Deutschland sucht den Superheld

Idealerweise werden Kinder durch ihre Eltern erzogen und erhalten auf diesem Weg eine Orientierung und ein Wertesystem. Wenn die Eltern hierfür nicht zur Verfügung stehen – mangels Interesse oder Kompetenz oder beidem – springt die „elektrische Oma“ ein, also das Fernsehen, Musik oder das Internet.

Selber hatte ich Glück. Zwar gehörten meine „Alten“ zu oben genannter Gruppe, mein Glück war aber, dass das TV-Programm zu dieser Zeit aus ARD, ZDF und N3 bestand und an das www noch gar nicht zu denken war. Mein Lieblingsmusiker war und ist die „Nachtigall von Hamburg“ – also Udo Lindenberg. Somit konnte ich trotzdem zu einem vernünftigen Weltbild kommen.

Wie entwickeln sich die Kinder in der Zeit des Unterklassenfernsehens wie RTL & Co und welche Rolle spielt die Musik und das Internet?

Wie bilden Sie eigentlich Ihre Computerpassworte? Abwegige Frage? Passt nicht in dieses Thema? Doch!

Die meisten Menschen benutzen Passworte, die in 30 Sekunden geknackt werden können. (10 Sekunden zum Knacken und 20 Sekunden zum Lachen). Die häufigsten Passworte sind „12345678“ oder „qwertzu“ oder eine verkürzte Form davon. Das häufigste Passwort bei Männern ist „ficken“. Ansonsten Beschriftungen im Raum, wenn z.B. „Asus“ auf dem Monitor steht steigt die Wahrscheinlichkeit des Passwortes „Asus“. Ansonsten Namen von Familienangehörigen, der bevorzugte Urlaubsort oder die Automarke. Passworte von mir bekannten Personen errate ich mit 60%iger Sicherheit in weniger als drei Minuten.

Kleiner Tipp für Schüler: 70% aller Lehrer nehmen als Passwort den Vornamen ihres erstgeborenen Kindes. Das „Erbeuten“ zukünftiger Klassenarbeiten im Vorwege sollte also kein Thema mehr sein.

Ein sicheres Passwort kann mann z.B. bilden, indem mann die Anfangsbuchstaben eines bekannten Textes – also z.B. eines Liedes oder auch des Osterspazierganges aus „Faust“ verwendet. Für mein Beispiel nehme ich die erste – hörenswerte – Strophe von Bobby Brown. (Von vielen übrigens fälschlich für einen Schmusesong gehalten. In Zeiten, in denen Falcos „Jeanny“ im Radio verboten wurde, wurde Bobby Brown täglich gespielt – Radiomoderatoren können offensichtlich kein Englisch).

Hey there people I‘m Bobby Brown. They say I‘m the cutest boy in town.

My car is fast, my teeth are shiny. I tell all the girls they can kiss my hiney.

Da sich Liedtexte gut merken lassen, kann mann auch gut ein Passwort aus den Anfangsbuchstaben bilden:

HtpIBB.TsItcbit.Mcif,mtas.Itatgtckmh.1940*

Das „1940*“ am Ende ist das Geburtsjahr Frank Zappas. Solange ich bei der Eingabe nicht mitsinge, habe ich also ein extrem sicheres Passwort.

Was meint Zappa in der vierten Strophe eigentlich mit:

I can take about an hour on the tower of power as long as I gets a little golden shower

Ich glaube, ich höre doch lieber Falcos Jeanny.

Wie passt die Passwortbildung zum Thema? Ganz einfach: die heranwachsende Generation müßte lebenslanges Computerverbot erhalten, weil eine sichere Passwortbildung nicht möglich ist.

Ein nach obigen Regeln gebildetes „Jugendpasswort“ sähe etwa so aus:

mmmmmmffffmmmmfmfmmfmfm

Das liegt daran, dass die Texte der aktuellen Rap-“Musik“ im wesentlichen aus den Worten „fuck“ und „motherfucker“ gebildet werden. Rettete uns noch Udo vor der völligen Verwahrlosung des Wortschatzes, ist es verständlich, wie wenige Vokabeln ein Heranwachsender für seinen Grundwortschatz benötigt.

Sehen wir einmal davon ab, dass der „handelsübliche“ Lehrer in einer typischen Hamburger Berufsfachschulklasse (also Schüler, die nach dem Hauptschulabschluss zwei Jahre in das Ersitzen des Realschulabschlusses – „ich will hier Real“ – investieren möchten) nach zwei Tagen das Gesamtvokabular seiner Schüler kennt, bilden Vorstellungsrunden regelmäßige „Lowlights“ des Lehrerdaseins.

Die meistgenannten Hobbies sind Schlafen, Chillen, Shoppen und Singen. Leider werden diese Dummheiten auch regelmäßig in Bewerbungen geschrieben. Meist noch in Verbindung mit der Mussvorhandenseinphrase „Teamfähig“. In Zeiten von „Deuschland sucht den/das Super…“ gehen die zukünftigen Hoffnungen unserer Zukunft davon aus, dass sie nur warten müssen und irgendwann wird irgendwer sie aufgrund eines wahnsinnigen Talents entdecken und der Reichtum kommt über Nacht und natürlich ohne jede Anstrengung.

In meinen optimistischen Junglehrertagen habe ich diese öden Vorstellungsrunden „Ich bin Chantal und meine Hobbies sind Singen und Shoppen“ über mich ergehen lassen und habe noch versucht, zu motivieren.

Nachdem der Teil der „Mein Hobby ist singen“-Sagerinnen nahe an 100% ging habe ich mir eine Gegenstrategie überlegt. Fortan fragte ich gleich die erste Sängerin nach ihrer Stimmlage. Der Lohn für diese Frage ist ein Haltemireinetaschenlampeansohrundmeineaugenleuchtenblick. Also etwas schmoren lassen und dann das verlockende Angebot: „Singst Du Tenor, Bass oder Bariton“? Die meisen Jungsängerinnen entscheiden sich dann für „Tenor“, weil sie das schon einmal irgendwo gehört haben. Noch ein paar Fragen wie „Wieviele Oktaven umfasst Dein Stimmumfang?“ oder „Schaffst Du noch das viergestrichene c?“ und ich werde von niemanden aus der Klasse zum Lieblingslehrer erkoren. So nerven die Kiddies mit ihren Problemchen wenigstens die Kollegen und nicht mich.

Interessanterweise hatte ich seitdem nur noch maximal eine „Sängerin“ pro Klasse und die Vorstellungsrunden fielen seitdem erfreulich kurz aus – in der Regel konnte ich nach drei Minuten in einer neuen Klasse mit dem Unterricht beginnen.

Merke: Lange Absätze=kurze Hauptsätze und Lange Vorstellungsrunden mit vielen Sängerinnen=Zeitverschwendung

Danke, RTL!

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