So geht Lehrgangsabschluss (2)

Der letzte Lehrgang vor dem Studium an der Bundeswehruni war die Hubschraubergrundausbildung, der erste Lehrgang danach war die Musterausbildung. Dabei ging es jetzt nicht darum, Karos von Streifen oder Paisleymustern zu unterscheiden. Da die Grundausbildung auf einen Schulungshubschrauber stattfand, der in der Truppe wegen Altersschwäche nicht mehr eingesetzt wurde, mussten wir jetzt also auf einem Einsatzflugmuster geschult werden. Dabei standen zur Auswahl: Die BO-105 als Verbindungs- und Beobachtungshubschrauber oder als Panzerabwehrhubschrauber, ebenfalls uralt aber sehr sportlich oder die Bell UH1, bekannt als Vietnameinweghubschrauber. Wenige Offiziere unseres Jahrganges wurden zur UH1-Ausbildung nach Fort-Rucker, Alabama eingeladen, der Rest wurde in Bückeburg ausgebildet. Die “Amerikaner” wurden in Fort Rucker wie folgt begrüßt: Wir haben hier noch ein paar uralte UH1 für die Ausbildung der Piloten aus Nigeria und aus Deutschland.

Auf die CH53-G wurde nur geschult, wer zuvor die UH1 geflogen war. Auch diese Hubschrauber waren damals schon so “abgeflogen”, dass kaum noch Ersatzteile vorhanden waren und die Maschinen mit “Notzulassungen” von einer Nutzungsverlängerung zur nächsten gerettet wurden. Immerhin hatten wir damals noch “Klarstände” zwischen 30 und 50%, aus heutiger Sicht echte Traumwerte.

Nicht umsonst gilt die alte Regel der deutschen Militärflieger: Den Piloten sein Job ist sitzen im Shop.

Auch diese Ausbildung dauerte über ein halbes Jahr und hatte irgendwann einen Lehrgangsabschluss auf einen Freitag. Am folgenden Montag gab der General der Heeresflieger folgenden Befehl heraus: Bosseln ist an der Heeresfliegerwaffenschule verboten.

Was war passiert?

Seitdem wir vor vier Jahren die Schule verlassen hatten, gab es nur noch “gesittete” Lehrgangsabschlüsse – ein Sekt im Offizierscasino und dann ab ins Bett, am nächsten Morgen Ausgabe der Flugscheine durch den General und dann ab nach hause.

Nun waren wir ein Bayernlastiger Lehrgang – nur zwei Nordlichter. Unser Vorschlag: Ein Sportturnier zum Abschluss, so forderten wir unsere Norditaliener (alles was südlich der Elbe ist, zählt zu Norditalien) zum Boßeln auf.

Wer jetzt nicht gerade einen norddeutschen Migrationshintergrund hat, kennt diese traditionelle Sportart nicht. Deshalb sei sie hier kurz erklärt, so wie ich sie auch den Mitstreitern erklärte.

Boßeln ist Straßenkegeln ohne Kegel. Jede Mannschaft bekommt eine Kugel. Die Turnierstrecke beträgt 10km. Eine Mannschaft beginnt und wirft die Kugel. Danach muss immer die Mannschaft kegeln, deren Kugel weiter hinten liegt. Kann die gegnerische Kugel nicht mit zwei Wurf überholt werden, so bekommt die Gegnermannschaft einen Punkt. Das Turnier wurde beschlossen.

Den zweiten Teil der Regeln gab es erst unmittelbar zum Turnierstart, nach Auslosung der Mannschaften. Wir hatten -10°C und reichlich Frostschutz: Pro Person hatten wir eine Flasche Apfelkorn und einen Liter Bier in einen Bollerwagen vorbereitet. Zur persönlichen Sportausrüstung jedes Spielers gehörte ein Schnappsglas, das an einer Kordel um den Hals zu tragen war. Jeder erzielte Punkt muss per Umtrunk besiegelt werden. Ebenso jedes Abkommen der Kugel vom Weg.

Ich fragte, ob alle die Regeln verstanden haben. Nicken. “Ich starte jetzt mit dem ersten Wurf!”. Ich streckte den Arm samt Kugel seitlich aus und lies die Kugel in den Graben fallen. Kurze, fragende Blicke – dann kapierten alle schlagartig den Charme dieser Sportart: Prost.

Für den ersten Kilometer brauchten wir 90 Minuten. Danach wurden wir schneller, da wir inzwischen beide Kugeln verloren hatten, bei Kilometer fünf noch schneller, da wir keinen Frostschutz mehr hatten und unseren Lehrgangsleiter samt seiner Gleichlaufschwankungen fortan im Bollerwagen transportieren konnten. Das hatten wir schon bei Kilometer vier kurz getestet, aber wieder verworfen da sich diese Gepäckkombination als sehr nachteilig für die letzten Vorräte herausstellt.

Zur Halbzeit hatten wir die Möglichkeit, unsere Vorräte an einer Tankstelle aufzufrischen. Inzwischen wußte die ganze Schule von unseren sportlichen Höchstleistungen – der Einfachheit halber haben wir eine uns gut bekannte Strecke gewählt: Die hauseigene Tiefflugstrecke, die auch an diesem Tag gut genutzt wurde.

Um 18:00 Uhr hatten wir ein Lokal zum Grünkohlessen gebucht – um 21:00Uhr trafen wir ein, nachdem wir stündlich unsere Koordinaten und unsere aktualisierte Eintreffzeit durchgegeben hatten. So kamen wir zeitgleich mit dem Bus, der uns heimfahren sollte. Zum Glück hatte der Busfahrer Humor und Zeit.

Das Grünkohlessen verlief noch relativ unproblematisch – hätten wir zur Abfahrt nicht einen Kameraden vermisst, so hätten wir nicht einmal Ärger vom Wirt bekommen. Wir fanden ihn schliesslich schlafend in zärtlicher Umarmung einer Toilette. Als gute Offiziere haben wir ihn natürlich geborgen, ohne die Tür zu öffnen – schliesslich dient die Tür zur Wahrung der Privatsphäre. Also habe wir diese akzeptiert und uns im Überwinden von Hindernissen geübt, um den Kameraden mit vereinten Kräften über selbiges hinüberzutransportieren. Zur Rechnung für Getränke und Speisen kam dann noch eine Toilettentrennwand hinzu.

Am nächsten morgen erwartete unser General dann ein zackiges Abschlussgespräch im Klassenzimmer, wo die Absolventen üblicherweise zackig aufstehen und salutieren, um dann die Flugscheine in Empfang zu nehmen. An diesem Tag war ein anderer Ablauf notwendig. Schon beim Eintreten bemerkte der General einen Geruch, der auf den Missbrauch hochprozentiger Getränke schliessen ließ. Die meisten von uns waren in der Lage, sich selbständig zu erheben und so etwas wie Haltung einzunehmen, wenige mußten gestützt werden.

Der General erfasste die Situation korrekt, wies den Spieß an, die Stubenschlüssel wieder auszuhändigen und verordnete uns ein ausnüchterndes Ausschlafen. Am Abend konnten wir unsere “Pappen” dann an der Wache abholen und den Heimweg antreten.

Am Montag erfuhren wir dann im Regiment, dass die Schule gerade einen seltsamen Befehl erlassen hätte und wurden befragt, ob wir etwas über die Hintergründe wüßten. Leider konnten wir nicht helfen – wie kommt ein solch blöder Befehl zustande?

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