Die Disziplinarkonferenz – Ein Drama

Für Disziplinatkonferenzen mag es viele Gründe geben. Üblich sind Verspätungen und unentschuldigte Fehltage. Die Lösungsansätze sind von Lehrkraft zu Lehrkraftlosigkeit unterschiedlich. So „erbte“ ich einmal eine Sitzenbleiberin mit 47 unentschuldigten Fehltagen. Als ich die ehemalige Klassenlehrerin nach den bis dato getroffenen Maßnahmen befragte, erhielt ich die Antwort „pädagogische Gespräche geführt“ – offensichtlich nicht erfolgreich.

Selber bin ich da etwas agiler. Jedes Schuljahr von neuem läuft der Wettbewerb, wer zur ersten Disziplinarkonferenz einlädt. Meistens gewinne ich.

Wie kommt ein Schüler in den Genuss einer solchen Konferenz und was nützen sie?

Grundsätzlich regelt jede Schule selbst, wann es Zeit für eine Konferenz ist. Bei uns war die Idee: 3 Verspätungen = Normenverdeutlichendes Gespräch, 5 Verspätungen = Gespräch mit den Eltern, 7 Verspätungen = Konferenz.

Bei der ersten Konferenz gibt es einen Verweis, bei der zweiten einen Verweis mit Androhung weitergehender Maßnahmen, bei der dritten meist eine Umsetzung in eine Parallelklasse und die Androhung der Versetzung an eine andere Schule (nach Ende der Schulpflicht die Abschulung). Die vierte kann dann tatsächlich zur Verlagerung des Problems an eine andere Schule führen. Dafür gibt es im Tausch einen anderen Deliquenten, der ebenfalls nicht pünktlich kommt, aber dafür neu – mit der ersten Konferenz – startet.

Aus den vier notwendigen Konferenzen werden schnell sieben, weil ja nicht jedesmal auf die nächste Eskalationsstufe „geschaltet“ wird.

Bei sieben Konferenzen je Schüler und sieben Verspätungen je Konferenz kann ein Schüler also 49 Verspätungen haben, ohne der Schule verwiesen zu werden, also jeden vierten Tag.

Bei 28 Schülern wären das pro Schuljahr 28*48=1344 zu protokollierende Verspätungen pro Klasse, ohne dass auch nur eine Abschulung stattfindet. Bei durchschnittlich sechs weitestgehend folgenlosen Konferenzen pro Schüler sind das 168 Konferenzen pro Jahr und Klasse.

Zum Glück treibt es nicht jeder Schüler bis zum Maximum – aber viele. Immerhin wissen die lieben Kleinen, dass ihnen nichts Schlimmes passieren wird. Ganz im Gegenteil: sie versauen gleich dem kompletten Klassenkollegium einen kompletten Nachmittag. An einem Konferenztag schaffen die anwesenden sieben bis zehn Kollegen maximal vier bis fünf Konferenzen, bevor der Hausmeister die Schule verschliessen will. Kommt der Pauker nach dem Konferenzmarathon abends zuhause an, folgen Korrekturen und Unterrichtsvorbereitungen.

Merke: Der kluge Schüler lässt regelmäßig zu Konferenzen einladen, um die Pauker schön in Trab zu halten. Je weniger der Pauker des Abends zum Vorbereiten kommt, desto weniger Stoff wird behandelt, desto leichter werden die Klassenarbeiten.

Besonders gewitzte Schüler erscheinen gar nicht zur Konferenz – es reicht doch, wenn die Lehrer sich den Nachmittag um die Ohren schlagen. Alternativ müssen beide Elternteile einen Urlaubstag opfern um das arme Lehreropfer vor pädagogischer Willkür zu schützen. Natürlich müssen dann auch noch der Vertrauenslehrer und gegebenenfalls auch noch ein Anwalt und ein Geistlicher hinzugezogen werden. Manchmal auch Vertreter des Jugendamtes, irgendwelcher Hilfsvereine oder wer sich sonst noch einspannen läßt. Je mehr Personal, desto besser.

Über die Konferenz steht natürlich nichts im Zeugnis! Sie bleibt also komplett folgenlos. Einmal habe ich den Antrag gestellt, bei einem extrem verhaltensauffälligen Schüler den Passus „Das Benehmen entspricht nicht den Anforderungen“ in die Zeugnisbemerkungen aufzunehmen. Dafür wurde ich von den Kollegen beinahe als Antipädagoge gesteinigt. Die Anfrage eines Abteilungsleiters beim Justiziar der Schulbehörde brachte ein entschiedenes „natürlich nicht zulässig“ zutage.

Liebe Schwafelpädagogen, ist Euch schon einmal aufgefallen, dass die umliegenden Bundesländer genau das machen, was ihr für Teufelswerk haltet? Sie geben Kopfnoten! Dort steht im Zeugnis etwas über Benehmen, Pünklichkeit, Fleiß, … alles was hier aus pädagogischen Gründen unmöglich ist.

Wen stellt wohl ein Arbeitgeber ein? Den Schüler aus dem anderen Bundesland, aus dessen Zeugnis hervorgeht, dass er sich benehmen kann oder den von uns, von dem er keinerlei Informationen hat? (In der Entscheidungsthorie heißt dies „Entscheidung bei unvollständiger Vorinformation“). Schon einmal eine Statistik gelesen? Da steht es schwarz auf weiß: unsere Kiddies sind die Oberlooser! Keiner will sie! Wenn über das Benehmen nichts im Zeugnis steht, gibt es auch keinen Grund, Benehmen zu lernen oder zu zeigen!

Wenn es einer unserer Lieblinge einmal bis zu einem Abschulungsbeschluss gebracht hat, wird er in der Regel Rechtsmittel dagegen einlegen und unsere vorgesetzte Behörde hat eine sensationelle Art damit umzugehen: Sie verzögert die Bearbeitung, bis das Schuljahr vorüber ist. Daraus entsteht ein wesentlicher Vorteil für alle Beteiligten: Der Schüler kann weiter verspätet erscheinen oder schwänzen, ohne dass weitere Konferenzen angesetzt werden müssen. Vielleicht sollten wir demnächst schon mit der Einschulung die jeweilige Abschulung bei der Behörde beantragen. Das würde eine wahnsinnige Zeitverschwendung verhindern!

Manchmal – aber nur selten – gibt es auch lustige Konferenzen. Der Verstand einer meiner Schülerinnen strahlte so hell, dass das Planetarium ein schwarzes Loch nach ihr benannt hat. Nennen wir sie einmal „Chantal“, was natürlich nicht ihr richtiger Name ist.

Sie erschien in etwa 40% der Fälle pünktlich, in 20% der Fälle verspätet und in 40% der Fälle gar nicht. Bei Verspätungen – in der Regel um die 30 Minuten – erschien sie in voller Kriegsbemalung (sie erschien nie ohne mindestens sieben Schminkschichten) mit der Entschuldigung „ich habe verschlafen“. Die Frage, ob sie sich am Vorabend geschminkt schlafen gelegt hat, beantwortete sie mit „nein“. Die Frage, ob sie möglicherweise pünktlich erschienen wäre, wenn sie auf das Schminken verzichtet hätte, konnte sie souverän beantworten. Selbstverständlich wäre es unmöglich von ihr zu verlangen, ungeschminkt das Haus zu verlassen. Da hat sie natürlich recht. Etwas so Unwichtiges wie Schulbildung muß natürlich hinter einer natürlichen Gesichtsmodellation zurückstehen!

Regelmäßig erklärte sie auch, die Weckfunktion ihres Mobiltelefones hätte nicht funktioniert, da sie vergessen hatte, das Telefon zu laden. Da sie trotzdem regelmäßig während des Unterrichtes telefonierte, nehme ich an, dass sie zwei Telefone besitzt, von dem nur eines eine Weckfunktion hat. Anders ist das Verhalten schließlich nicht erklärbar und Schüler lügen ja nicht.

Diese Schülerin brachte es bei einer Kollegin auf 47 unentschuldigte Fehltage plus unzählige Verspätungen, ohne dass eine Folge eingetreten wäre (s.o.). Bei mir wurde sie nach fünf Konferenzen in eine Parallelklasse versetzt, in der ich auch unterrichtete – also wieder an allen Konferenzen teilnehmen mußte. Sie hat letztendlich mit einer Fehlquote von 40% den Realschulabschluss bekommen. Wäre die arme Frau nicht so schrecklich oft krank, hätte sie vermutlich mit 13 den ersten Doktortitel erworben – oder haben die Kollegen vielleicht Noten verschenkt? Bei mir war die beste Note eine fünf.

Genau diese Schülerin hatte eine weitere Besonderheit: Wenn sie nicht weiterwußte – also oft – begann sie sofort zu heulen. So auch in allen Konferenzen. Junglehrer sind hiervon noch zu beeindrucken. Wer schon genug Konferenzen erlebt hat, hat auch immer mindestens zwei Taschentuchpakete zum Anbieten dabei. Die Zeit bis zu den ersten Tränen wird gestoppt, damit nach der Konferenz der Wettsieger ermittelt werden kann.

Während bei den „handelsüblichen“ Schülern auf die Eintrittsminute gewettet wurde, mußten wir bei Chantal sekundengenau wetten, da sie nie die erste Minute ohne Tränen überstand. Dies war bei ihren zahlreichen Schminkschichten jedes Mal wieder ein herrlich farbenfrohes Schauspiel.

Ginge es nach mir, so hätten wir uns auf das Minimum von vier Konferenzen beschränkt. Meine Kollegen haben in der Regel gegen die nächste Eskalationsstufe abgestimmt – sicher waren sie nur vergnügungssüchtig und wollten das Schauspiel häufiger geniessen.

Einmal – ich glaube es war Chantals Konferenz Nummer fünf – habe ich gewettet, dass die Schminke maximal 20 Sekunden hält und gewonnen. Meine Begrüßung war: „Hallo, setz Dich, warum kommst Du eigentlich immer noch geschminkt, obwohl Du weißt, was gleich passiert“…

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