cu

Häufige Frage meiner Kollegen an der Medienschule: „Warum schreibst Du in Mails eigentlich ‚cu‘ am Ende?“ Was soll ich da antworten? „Google hilft!“ oder „An der Schule für Hafenlogistik soll noch eine Stelle frei sein“ oder „Kupfer, das ist ein chemisches Element. Ich schreibe das am Ende meiner Mail, um Dich zu verwirren“ oder „cu ist ein Acronym für ‚see you‘ und was ein Acronym ist, verrät Dir Wikipedia!“

Jetzt ist es erst einmal Zeit, allen „cu“ zu sagen.

Schön, dass Dienstpostenwechsel so gerne zum Quartalsende durchgeführt werden. Damit ensteht eine 25%ige Chance, den 1.April zu erwischen. Ein würdiger Tag für einen Abschied Richtung neuer Betätigungsstätte. Dank der sorgfältigen Planung meiner personalbearbeitenden Stelle blieb mir ebenfalls viel Zeit, den Tag sorgfältig zu planen – schließlich verabschiedet mann sich nicht täglich aus einem so umfassenden Makrokosmos wie dem Schulwesen.

Zunächst einmal musste der alte Kalauer aus der „Feuerzangenbowle“ aufgefrischt werden: Das Schild „Aufgrund von Umbauarbeiten muss der Unterricht heute leider ausfallen“. In Zeiten der modernen Technik wird dieses Schild natürlich nicht mehr mit Farbe und Pappe gemalt. Hierzu reichte mir die Kenntnis, wie der Sohn unseres Schulhomepagepflegers mit Vornamen heißt. Vorname=Passwort. Mit diesem Wissen konnte ich um punkt Null Uhr die frohe Nachricht verkünden: „Aufgrund von dringenden Reparaturarbeiten bleibt die Schule bis auf weiteres geschlossen“. Sicherheitshalber habe ich das ganze noch als E-Mail über den Lehrerverteiler gesendet – natürlich unter dem Namen des Schulleiters, der mir ebenfalls einmal seinen Sohn namentlich vorstellte – ein schwerer Fehler.

Um kurz vor acht erschienen dann trotzdem noch einige Kollegen – nicht jeder ruft seine dienstlichen Mails regelmäßig ab – ein schwerer Fehler. Leider werden die Kollegen unseren Leiter heute nicht zum Stand der Bauarbeiten befragen können – der hat ein paar Tage Auszeit mit Vollpension gebucht (oder ich für ihn). Um 02:00 wurde er – ich habe es beobachtet – vom SEK abgeholt, nachdem um 1:30 eine anonyme E-Mail mit einer Bombendrohung bei der Frankfurter Flughafengesellschaft einging – von seiner IP aus.

Vielleicht hätte er sein Funknetzwerk besser sichern sollen? Ich überlege allerdings noch, ob 30 Minuten für den SEK-Einsatz in Ordnung sind, oder ob ich mir Sorgen um die Sicherheit meiner Heimat machen muss.

So hat dann der stellvertretende Schulleiter heute alle Hände voll zu tun – er hat seine Mails natürlich auch nicht abgerufen, so trifft ihn die Welle der Empörung völlig unerwartet. Da etwa die Hälfte der Lehrer fehlt, aber nur etwa 10% der Schüler (für die gibt es keinen Mailverteiler), gibt es ein Betreuungsdefizit. Hier habe ich bereits geholfen: Dem Designkurs habe ich im Namen der fehlenden Kollegin ein Sprühdosenset zukommen lassen mit dem Auftrag ihr Auto (also das der Kollegin) mit den Entwürfen der letzten Unterrichtseinheit zu verschönern. Zur eindeutigen Identifikation habe ich dann das Kennzeichen des stellvertretenden Schulleiters angegeben. Es wird mir die Aufwertung seines Antikbenz hoffentlich danken. Merken wird er es jedenfalls nicht – er ist ja beschäftigt.

Inzwischen – es ist 08:15 Uhr (welch eine grandiose Uhrzeit seit H.H. Kirst) haben sogar einige Kollegen mit dem Unterricht begonnen. Da habe ich Zeit, die Weck-SMS für meine Liebste zu versenden. Als ich heute morgen zeitig vor ihr aufstand, habe ich vorsichtig etwas Nutella auf Ihrem Zeigefinger verteilt. Jetzt bekommt sie diesen Text: „Hallo Liebste, Zeit zum Aufstehen. Ich hoffe, Du hast besser geschlafen. Ich habe geträumt, dass ich eine Rektaluntersuchung hatte. Kuss.“

Mein Abteilungsleiter ist inzwischen auf den Weg ins Rathaus um seine Ernennungsurkunde für seine sehr kurzfristig ausgesprochene Beförderung zum Schulleiter einer Grundschule entgegenzunehmen. Warum eigentlich weiß unsere Elite nicht, dass solche Nachrichten durch einen Anruf beim Verfasser zu verifizieren sind? Das lernt jeder Soldat vor seinen ersten Wachdienst: „Die Echtheit einer Alarmmeldung ist durch sofortigen Rückruf zu überprüfen.“

In 30 Minuten beginnt dann die großangelegte Lösch- und Evakuierungsübung, die die Schulleitung mit der Stadtfeuerwehr vereinbart hat. Der Feuerwehrhäuptling hat offensichtlich auch nie gedient!

Der Hausmeister wird davon wohl nichts mitbekommen – der ist in der Nähe der Zufahrt des Lehrerparkplatzes und baggert ein tiefes Loch – die Kanalisation muss dort überprüft werden, und auf dem Gelände der Schule sind wir für die Erdarbeiten zuständig.

Die Erdarbeiten sind notwendig, damit der Kampfmittelräumdienst, der gegen 10:00 Uhr alamiert wird, weiß wo er sperren und suchen muss. Ich fürchte, dass die Kollegen ihre PKW heute nicht mehr vom Schulgelände bekommen werden.

Hier bleiben können sie aber auch nicht. Ab 11:00 Uhr findet in der Aula das Vorcasting für „Deutschland sucht den Superstar“ statt. Der Aufruf dürfte heute in allen lokalen Zeitungen stehen und über lokale Radiosender verbreitet werden. Auf der Schulhomepage steht es natürlich auch. Natürlich werden alle Teenies dafür vom Unterricht freigestellt. Das Castingteam wurde von der Kunsthochschule angeworben – die suchen allerdings Akteure für modernes Finsternistheater.

Schon in der Feuerzangenbowle haben wir gelernt, dass ein Unterrichsausfall durch eine Baustelle am besten durch eine Baustelle gerechtfertigt wird. Da hat unsere Leitung doch ganze Arbeit geleistet. Mit Beginn des Castings und Ende der Evakuierungsübung dürfte dann etwas Ruhe einkehren. Zeit für den beauftragten Partyservice, die Häppchen für das Casting zu servieren – unsere Schulleitung ist eben großzügig (und der Partyservicebetreiber ungedient).

Als Höhepunkt der Veranstaltung wird dann noch ein Kollege um die Hand einer Kollegin anhalten. Von ihrem Verhältnis ahnte ich schon länger. Als er jetzt eine Hilfeichbinschwanger-SMS bekam, fragte er mich um Rat – ich habe ihn zu diesem Schritt ermuntert. Jetzt müßte die Kollegin eventuell noch erfahren, dass sie schwanger ist oder dass es besser ist, das Mobiltelefon nicht im Lehrerzimmer zu vergessen – aber das kann sie ja selber herausfinden.

Jetzt geht es erst einmal zur neuen Dienststelle. Vom neuen Boss kenne ich schon den Vornamen der Tochter. Mal sehen, wie die neuen Kollegen unter Stress aussehen – ich dürfte zur schönsten Zeit eintreffen.

Wenn es am schönsten ist, soll mann gehen: Ich bin dann mal wech! cu@all

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