Die Lust am Schnupfen

Bitte jetzt nicht nervös werden…in diesem Beitrag geht es nicht um den Konsum weißer Pülverchen mittels Einschniefen. Vielmehr ist es so, dass ein Schnupfen gut geeignet ist, das Lehrerdasein erträglicher zu gestalten. Warum? Es gibt auch heute leider noch Menschen, bei denen Körperhygiene nicht zu den selbstverständlichen, täglichen Verrichtungen gehört.

Zum Glück ist die Schule ja mit reichlich guten Vorbildern ausgestattet, so dass die Kleinen nur noch zum nachahmen animiert werden müssen. Merke: Alle Lehrer erscheinen frisch geduscht und mit frischer Kleidung zum Unterricht! Alle? Naja, fast alle. OK – die meisten.

Ein paar Kollegen erscheinen doch häufiger mit einer Frisur, die Anleihen beim Nestbau unserer gefiederten Freunde genommen hat. Manchmal auch mit dekorativen Elementen, die an einen Malerpinsel denken lassen. Das wirft dann doch die Frage auf, wie das passieren kann. Immerhin ist es möglich, es einmal nicht unter die Dusche zu schaffen, bevor das Haus verlassen wird. (Ist mir in meinen zehn Lehrerjahren auch schon einmal passiert – exakt einmal). Wie aber ist es möglich, die zerzauste Frisur beim Blick in den Spiegel nicht zu bemerken? Es ist schlicht und einfach nichtmöglich. Somit bleibt nur eine Möglichkeit: Der Kollege hat nicht einmal den Blick in den Spiegel geworfen.

Die Kleidung von Lehrern kann kein Thema für diesen Bericht sein – da ließen sich Vermögen mit verdienen, z.B. mit der zehnbändigen Anleitung „die richtige Bekleidung leicht gemacht“. Zwar würde kein Lehrer dieses Werk kaufen – aber vielleicht würde der Arbeitgeber ja eine Anzahl davon ordern und bereitstellen. Dem verstaubten Image würde es sicher nicht schaden.

Die Frage in diesem Zusammenhang lautet hier schlicht: Ist die Lehrerkleidung frisch gewaschen? Im Prinzip ja. Zumindest ab und zu. Leider tragen manche Kollegen ihre Pullover oft mehrere Tage hintereinander, schaffen es aber stets, sie zu wechseln, bevor Geruch entsteht. Also: Ein klarer Punkt für das Kollegium. (Geschickter wäre es trotzdem, den gleichen Pullover nicht an aufeinanderfolgenden Tagen mehrfach zu tragen).

Eine Geruchsbelästigung geht nach meinen Recherchen nur von einem einzigen Kollegen aus – einem starken Raucher, bei dem der Rauchgestank manchmal nicht ausreicht, die anderen Düfte zu verdecken.

Viel problematischer ist dagegen der Kontakt mit den Schülern:

Zunächst einmal sind die Schulungsräume zu eng für die Menschenmassen und die Lüftung zu schlecht und zu ineffizient. Ein Klassenraum stinkt auch dann, wenn keine Schüler darin sind. Grund sind die Milliarden von Mikroorganismen, die sich im Teppich von allerlei Hinterlassenschaften des Klientels ernähren. Kein anderer Teppich dieser Welt kann so nahrhaft sein, wie ein Teppich in einer Schule. Deshalb sind die Teppiche ja auch immer dunkel und leicht gemustert. Da fallen die diversen eingearbeiteten Speise- und Getränkereste kaum auf. Ich weiß nicht, ob es bei Schülers zuhause auch egal ist, wenn die Nahrung mit dem Fußboden geteilt wird. In der Schule ist es jedenfalls scheißegal und aufgehoben wird schon einmal grundsätzlich nichts, das sind ja schließlich niedere Tätigkeiten, das können ruhig die anderen erledigen.

Besonders beliebt bei den gesundheitsbewußten Schülern sind übrigens stark überzuckerte Milchmischgetränke („Vanilla-Drink“), die nach dem Verschütten über Jahre hinweg den wunderbaren Duft verdorbener Milch freisetzen.

Wohl dem, der in einem teppichfreien Raum unterrichtet. Zwar herrscht dort eine Geräuschkulisse (Füßescharren, Stühlerücken,…), dass mann aus arbeitsrechtlicher Sicht einen Gehörschutz tragen müßte, dafür ist der Geruch aber auch nicht besser:

Dort gibt es Langzeit-DNS-Sammelvorrichtungen, Kurzbezeichnung: „Vorhänge“! Was beim Baum die Jahresringe sind, sind beim Schulvorhang die Geruchseinlagerungen. Dabei bleiben die Vorhänge doch gar nicht so lange im Dienst! Wird ein Schulgebäude wegen Baufälligkeit abgerissen, werden die Vorhänge in der Regel nicht weiter verwendet. Somit sind die Vorhänge gar nicht so alt – die wenigsten Schulgebäude wurden vor über 100 Jahren gebaut! Ein Austausch während der Nutzungszeit des Gebäudes kommt nicht in Frage, sagt ein alter Aberglaube.

Wer ganz viel Pech hat, unterrichtet in einer Schule der 70er Jahre. Dank Beton rundherum gibt es reichlich Luftfeuchtigkeit – gut für allerlei geruchsbildende Lebensformen. Dazu kommt, dass zu dieser Zeit die geringe Deckenhöhe in Mode kam – also weniger Luft pro Quadratmeter. Aber das allerschlimmste an 70er Jahre Schulen ist die Farbe der Vorhänge. Aus Gründen der Dokumentation unserer Kulturgeschichte werden immer mehr Schulen der 70er Jahre unter Denkmalschutz gestellt. (Als Mahnmal).

Jetzt aber zum Worst-Case: Im Lehrerdasein muss leider mit dem massenhaften Auftauchen von Schülern in den Schulungsräumen gerechnet werden. Hier ein paar der Standardsituationen:

Problem: Die Schüler sitzen mit Jacken im Unterrichtsraum. Selbst wenn sich ein Erziehungserfolg einstellt, der dazu führt, dass die Schüler die Jacken ausziehen: Die Jacken sind im Raum – und sie stinken.

Leider ist es so mit Jacken, wer zu doof ist, sie zu benutzen, hat eine stinkende. Eine Jacke soll vor den Unbilden des Wetters schützen. Das Wetter ist draußen. Deshalb wird die Jacke im Gebäude ausgezogen. Dadurch wird sie wieder trocken und kann a) beim nächsten Tragen vor Kälte schützen und b) ihre Geruchsneutralität bewahren.

Eine dauerhaft getragene Jacke enthält auch permanent Körperausdünstungen, die im wesentlichen aus warmer Feuchtigkeit bestehen. Ideal für allerlei geruchsbildende Bakterien. Da die Jacke dann permanent durchfeuchtet ist, wärmt sie dann draußen auch nicht. Deshalb tragen manche auch immer viel zu dicke Jacken – wenn die dünnen schon nicht wärmen.

Vor der Tür bleiben können die Stinkjacken leider auch nicht – dort gibt es schon lange keine Garderoben mehr, da diese ohnehin nie benutzt wurden. Der Standard des Jackenindieklassemitnehmens hat sich also durchgesetzt – schlecht für die Nase.

Das nächste Problem: Raucher. Die stinken extrem ekelhaft. Offensichtlich ist es inzwischen üblich, den Tabak in möglichst engen Räumen bei möglichst wenig Lüftung zu verrauchen. Duschen – warum denn, rauchen ist doch cool! Ein einziges Mal ist es mir gelungen, eine komplette Klasse zu Nichtrauchern zu machen. Ansonsten habe ich es immer nur Teilen abgewöhnen können. Manche wollten überhaupt nicht einsehen, warum ich aus Gründen der Geruchsbelästigung ablehnen mußte, einem stinkenden Schüler Hilfestellung am PC zu geben. Wer stinkt, hat bei mir keinen Anspruch auf Support, dafür ist es einfach zu nah, wenn mann zu zweit vor einem PC sitzen muss. Das Fehlen von Support wirkt sich seltsamerweise auch auf die Noten aus – das Warum habe ich allerdings nie ergründen können.

Eine Kopfbedeckung wird klassischerweise außerhalb von Gebäuden getragen. Wer ohne Kopfbedeckung ein Gebäude verläßt ist quasi nackt. Auch das wissen viele nicht und erkälten sich bei jeder Gelegenheit – Dummheit wird eben auch von der Natur bestraft. 70% der Verlustwärme des Körpers geht über den Kopf verloren!

Noch wichtiger aber ist, dass die Kopfbedeckung beim Betreten eines Gebäudes abgenommen wird. Wer seine Kopfbedeckung aufbehält, setzt sich dem Verdacht aus, die Haare nicht gewaschen zu haben und dieses mit der Mütze kaschieren zu wollen. Deshalb wird in meinen Unterrichten auch kein Hut getragen. „Darf ich meine Mütze aufbehalten, ich habe mir die Haare heute nicht gewaschen.“ habe ich nicht selten gehört.

Die ganz klugen Mädchen versuchen dann noch, die vergangene Zeit seit der letzten Dusche mit Parfüm zu überdecken. Dabei finden sie schnell heraus, dass nur ein Geruch geeignet ist, Schweißgeruch zu überdecken: Süß. Zuviele süße Mädchen ist aber auch nicht gut. In vielen Klassen riecht es aufdringlicher als in der Süßwarenabteilung eines Billigkaufhauses.

Und dann die Krönung der Krönung, sozusagen die Kirsche auf dem Sahnehäubchen auf dem Eis als Nachspeise eines Sieben-Gänge-Menüs: Einmal pro Woche ist Sport. Haben Sie schon einmal den Belegungsplan einer Schulsporthalle gesehen? Wenn der Stundenplaner klug ist, finden die Sportstunden in den jeweils letzten Stunden einer Klasse statt. Besser die anderen U-Bahn-Fahrer nehmen den Gestank wahr als die Lehrer. Leider ist das planerisch nicht immer möglich.

Ein paar „Axiome“ der Vergangenheit gelten heute nämlich nicht mehr. Zum einen ist es offensichtlich nicht mehr üblich, zum Sport ein anderes T-Shirt zu benutzen als für den Rest des Tages. Der schöne Brauch, nach dem Sport zu duschen, ist heute auch nicht mehr besonders weit verbreitet.

Bei der letzten Klasse, die ich noch nach Sportunterricht unterrichten durfte, habe ich es mit maximalem Druck immerhin geschafft, dass die Mädchen geduscht zu meiner Veranstaltung erschienen. Bei den Jungen war das völlig undenkbar. 

Kurz gesagt: Ich bin als Pädagoge gescheitert. Ich konnte die Bengel nicht zum Duschen kriegen. Einen Brief an die Eltern hat die Schulleitung sich nicht getraut zu schreiben. Vorzeitig nach Hause schicken durfte ich die Stinker auch nicht. Ein Stundentausch war auch nicht möglich. Schließlich habe ich die einfachste Lösung gewählt. In Hamburg gibt es ein „Probehalbjahr“. Wer das nicht besteht, muss in eine niedrigere Schulform wechseln. Zum Glück gibt es noch eine unterhalb der Berufsfachschule: das AVJ.

Wenn ausreichend viele Schüler das Probehalbjahr nicht schaffen, werden die verbleibenden Klassen zusammengelegt. Bei einer Zusammenlegung muss eine Klasse aufgelöst werden. Mit diesen Spielregeln war mein Vorgehen klar: Zuerst dafür sorgen, dass genügend Schüler das Probehalbjahr nicht schaffen. Dafür habe ich mein Bestes gegeben – auch in den Parallelklassen, in denen ich eingesetzt war.

In Phase Zwei mußte ich dann noch dafür sorgen, dass es meine Klasse ist, die aufgelöst wird. Nichts einfacher als das, denn: steter Tropfen höhlt den Schulleiter, insbesondere wenn er wöchentlich nach dem Sportunterricht – inklusive der Einladung zu einer Riechprobe – erfolgt.

So kommen wir dann zum Ausgangspunkt zurück. Scheiß auf Energieeinsparung! In einem Unterrichtsraum ist es dann erträglich, wenn alle Fenster geöffnet sind. Wenn die Heizung gut ist, wird es auch nicht kalt. Wenn nicht, gibt es einen Schnupfen und das Problem ist gelöst! Ist doch ganz einfach!

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