Ermöglicher oder Verhinderer?

Ein Jahr voller Entscheidungen steht an. Es gibt Bundestagswahlen, Landtagswahlen, Kommunalwahlen, Parteiinterne Wahlen, Wahlen von Vereinsvorständen oder – als Einstiegsübung – die Klassensprecherwahl.

Warum eigentlich gibt es keinen allgemeinen Ratgeber, wie man richtig wählt? Welche Fragen an die Kandidaten sind hilfreich? Ein in Versuch:

Zwei Fragen beherrschen unsere klassische Kandidatenkür: Wer ist mir sympathisch? Wer nutzt mir?

Das Ergebnis dieser Entscheidungsstrategie sind Wahlplakate mit dumm grinsenden Gestalten mit einfachen Schlagworten, die einen Nutzen für den Wähler suggerieren. Leider kein Reifezeugnis für unsere Gesellschaft.

Ein Zitat, das mehreren Quellen zugeordnet wird, besagt:  Ich wünsche mit die Kraft, das zu ändern, was in meiner Macht liegt; die Ruhe, das zu ertragen, was ich nicht ändern kann und die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.

Ahoi! Wir haben Glück! Wir haben viele ITler und kaum Anwälte. Bei den meisten anderen Parteien ist es anders herum. Warum ist das wichtig? Jeder wählt irgendwann einmal seinen Beruf. Denkt mal an eure Abschlussklasse und was aus allen geworden ist. Einfachheitshalber schauen wir uns die Extreme an:

  1. Ich stehe gerne im Mittelpunkt, habe immer das letzte Wort, übernehme keine Verantwortung und schiebe Schuld gerne auf andere. Welchen Beruf wähle ich? (Lieber Herr Dosenkohl, das wir den Prozess verloren haben, tut mit leid. Ich vertrete Sie gerne in der nächsten Instanz, wenn Sie sich noch einen Prozess leisten können. Diesmal hatten wir nur Pech mit dem Richter.) oder 
  2. Ich will helfen, egal ob bei Tag oder Nacht. Geld ist Nebensächlich, mir ist der Mensch wichtig. 

Wer wird Anwalt, wer Pfleger? 1 oder 2? Wer wäre der bessere Kandidat?

Sofern ich hier Anwälte als Beispiel nutze weise ich ausdrücklich darauf hin, dass ich ausdrücklich nicht Menschenrechtsanwälte oder Sozialanwälte, die zuletzt an ihren Profit denken und Vertreter:innen von Kindern in Familienprozessen und von Gewaltopfern meine! Stellen Sie vor Ihr geistiges Auge am besten einen Anwalt, der eine politische Karriere in einer potentiell korrupten Partei anstrebt.

Eine „grobe Sichtung“ können wir also nach dem Beruf vornehmen. 

Die ganze Problematik verdeutlicht sich in zwei Szenarien:

Stellen Sie sich vor, es wäre üblich, dass Eltern Ehen arrangierten: Welchen Partner wählen Sie für ihr Kind? Wählen Sie jetzt den Anwalt, weil er die Familie sicher versorgen kann und lehnen Sie den Pfleger ab, weil er viel arbeiten muss? Daran sind Sie ein Opportunist und werden Ihren Kandidaten danach wählen, wer Ihnen am meisten nutzt.

Stellen Sie sich jetzt vor, sie befinden sich auf einen manövrierunfähigen, leck geschlagenen Boot auf dem Meer. Nur ein anderes Boot ist in Funkreichweite. Wen wünschen Sie sich an Bord? Das sollte auch ihr Kandidat sein. Hier hat vermutlich niemand den Anwalt gewählt.

In der aktuellen Pandemie haben wir gelernt, dass unsere verantwortlichen Politiker schlechte Krisenmanager sind.

Aber wie finden wir jetzt einen geeigneten Kandidaten, Partner, Mitarbeiter, …? 

Teile die Bewerber einfach in zwei Gruppen: Die Ermöglicher und die Verhinderer. Diese sind leicht zu erkennen und zeigen die Eignung für Führungspositionen sehr gut auf. Zum um Glück sind nicht alle Menschen Anwälte oder Pfleger.

In einer Diskussion zeigt ein Ermöglicher eine Lösung auf und sofort kommt ein Verhinder(t)er und erklärt genau, warum dieses in der Praxis nicht funktionieren kann.

Der Ermöglicher steht dann als Idiot da und der Verhinderer sonnt sich im Schein seiner Überlegenheit. Sollte der Ermöglicher sich durchsetzen, so wird der Verhinderer auf ein Scheitern hoffen, um dann mit der ich-habe-es-doch-gleich-gesagt-Überlegenheit darauf hinzuweisen, dass er die bessere Wahl gewesen wäre.

Die Folge:  In gewählten Gremien wimmelt es oft von Verhinderern, meist mit Alphamännchenkomplex, und machen sich gegenseitig das Leben zu Hölle. Entscheidungen werden kaum gefällt und wenn, dann als faule Kompromisse. Diese sind so weit verwässert, dass im Falle eines Scheiterns niemand mehr Schuld ist. Organisierte Nichtverantwortung wäre hier das Stichwort. „Verantwortung ist unteilbar“ hingegen ist das Leitmotiv der Ermöglicher, die selbige gerne übernehmen und im Falle eines Scheiterns zur Zielscheibe werden. 

Verhinderer schlagen selber keine Lösungen vor – dann wären sie angreifbar für andere Verhinderer. So wird der Ermöglicher zum willkommenen, gemeinsamen Feind. Verwässern ist ihre bevorzugte Arbeitsmethode: So stellen sie sich als große Diplomaten dar, die in schweren Situationen „Kompromisse“ finden. Habt ihr schon mal erlebt, dass eine gemeinsame Arbeit (eine PM zum Beispiel) auf betreiben eines Mitarbeiters zum Schluss so nichtssagend ist, dass man sie besser nicht versendete? Dann habt ihr einen Verhinderer identifiziert.

In Kenntnis der Macht des Verhinderns finden sich unter den Verhinderern gleich zwei Störerarten ein: Die Alphamännchen und die Geringkompetenten. Hier machen Sie Karriere.

Die Ermöglicher hingegen arbeiten lieber, statt sich an Konflikten aufzureiben, dabei wären sie die bessere Wahl gewesen.

Selten bilden sich gute Mannschaften, die beide Persönlichkeitstypen vereinen, um so erfolgreich zu sein. Ein Alphamännchen kann ein guter Frontmann sein, muss aber auch wissen, dass er auf seine Fachleute zu hören hat.

Ich möchte Euch also dazu einladen, Bewerber danach zu beurteilen, ob sie lieber ermöglichen (Macher) oder verhindern (Oberbedenkenträger). Ein Vorstand verträgt maximal einen Häuptling, könnte aber problemlos nur aus Indianern verstehen. (Ist diese Metapher eigentlich noch erlaubt oder dürfte ich sie nur verwenden, wenn ich zu einer bestimmten Ethnie gehörte?  Die übertriebenen Verfechter der „Sprachpolizei“ sind übrigens Verhinderer).

Fazit: Beobachtet die Kandidaten danach, wer nach Lösungen sucht und wer besonders klug erscheinen möchte, indem er die Lösungen der anderen schlecht macht. Verkündet euer Kind die Verlobung mit einem Anwalt, so enterbt es. Kommt ihr in Seenot, seid beruhigt – auf dem Wasser finden sich fast nur Macher: In der Diskussion mit der Natur überleben nur die Ermöglicher.

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