Infoabend

Offensichtlich sind Schulen inzwischen gehalten, sich wie Wirtschaftsunternehmen zu benehmen und auf „Kundenfang“ (Schüler) zu gehen. So wird mit allerlei seltsamen Mitteln versucht, selbige möglichst in Scharen an die Schule zu locken.

Ich selber sehe die Schüler nicht als Kunden, sondern als Rohstoff. Der Kunde ist der Ausbildungsbetrieb, der unsere Schüler nachfragen soll. Das wird aber nur geschehen, wenn die Schüler bei uns auch etwas lernen und die Schule „ausbildungsfähig“ verlassen. Klasse statt Masse eben.

Nun veranstalten aber nahezu alle weiterführenden Schulen einen „Infoabend“ nach den Halbjahreszeugnissen, um die Massen anzulocken. Das muss nicht immer gut enden!

Diese Informationsveranstaltungen teilen sich meistens in eine allgemeine Informationsveranstaltung zum Bildungsgang und in die „Einzelberatungen“, bei denen die betroffenen Lehrer für Einzelgespräche zur Verfügung stehen.

Da können schon mal ein paar Pannen passieren. Zum Beispiel wurde ich einmal dienstverpflichtet (der Beamtenausdruck für gezwungen), ein Unterrichtsfach vorzustellen, das ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht unterrichtete. Die vier Kollegen, die dieses Fach unterrichteten, waren „unabkömmlich“, hatten sich also verpisst. (Und damit haben sie bei mir bis in die Steinzeit verschissen!)

Eigentlich hatten sie schon vorher bei mir Minuspunkte gesammelt. Es ging um das Fach MMP (MultiMediaProduktion). Wie Sie unschwer an meiner Website erkennen können, bin ich in dieser Angelegenheit fit und war es auch damals schon. Zwei der Kollegen hatten noch nie eine Website online gestellt und auch noch nie etwas von der Existenz eines FTP-Servers gehört, der dritte im Bunde hatte die Abkürzung „CMS“ für „Content Management System“ immerhin schon einmal gehört. Der vierte hatte tatsächlich Ahnung vom Fach. Über die MMP-Fähigkeiten der eingesetzten Lehrer wollte ich hier eigentlich gar nicht lästern, irgendwie ließ es sich aber nicht vermeiden. Vielleicht auch in diesem Fall besser „Klasse statt Masse“?

Wieso wird eigentlich ein medienaffiner Lehrer nicht im Medienschwerpunktfach eingesetzt? Weil ich in der Zeit Klassenlehrer einer AVJ (Ausbildungsvorbereitungsjahr) war. AVJ bedeutet Schüler, die überall durchgefallen sind, aber noch schulpflichtig sind, so zu verwahren, dass sie während der Schulzeit keine Straftaten begehen. Dazu aber später in einem anderen Artikel mehr. Jedenfalls haben meine lieben Kollegen wohl genug Ausreden gehabt („Ich bin im Personalrat,…“) um nicht in der AVJ unterrichten zu müssen und ich als ehemaliger Offizier kann so einen Haufen ja „neutralisieren“.

Jedenfalls waren alle meine vier „Fach“-Kollegen wegen „dringender Termine“ nicht greifbar – immerhin handelte es sich um eine Abendveranstaltung.

Mal überlegen: ich habe etwa einmal im Monat einen wichtigen Termin. Meist ist er noch nicht einmal so wichtig, dass ich eine dienstliche Veranstaltung dafür absagen müsste. Ich setzte die Wahrscheinlichkeit einer Kollision wichtiger Termin/Infoveranstaltung also mit etwa 1:30 an (…und das ist schon sehr pessimistisch – schliesslich steht der Termin der Infoveranstaltung schon seit Monaten fest)

Die Wahrscheinlichkeit eines Kollegen liegt also bei etwa 3,3% oder 0,033; die Wahrscheinlichkeit, dass gleich vier Kollegen keine Zeit haben ist also 0,033 exp 4 (0,033 in der vierten Potenz), also 0,033*0,033*0,033*0,033=0,00000119. In etwa einem von 100.000 Fällen ist diese Konstellation also wahrscheinlich. Merken die Herren der Schulleitung eigentlich nicht, wenn sie verarscht werden? Oder gilt etwa die gleiche Ausredenregelung wie schon im AVJ („…ich muss ja noch wegen meiner Tätigkeit im Personalrat…“)?

In der Rednerreihenfolge war ich ziemlich zum Ende der zentralen Veranstaltung geplant. Bis ich an die Reihe kam, hatten die Interessenten schon eimerweise Kommensiedochzuunswirsindsotoll-Schleim bekommen – es bestand ernsthafte Verletzungsgefahr durch Ausrutschen. Irgendwann kam „mein“ Fach an die Reihe.

Jetzt hatte ich also die Möglichkeit, auf der zentralen Veranstaltung etwas für mein Anliegen „Klasse statt Masse“ zu bewegen – so eine Möglichkeit kann natürlich nicht ungenutzt verstreichen. Da ich bei solchen Gelegenheiten immer frei spreche, kann ich kein orignales Redescript liefern, deshalb kommt die Vorstellung des Faches aus dem Gedächtnis:

Liebe Eltern, liebe zukünftige Schüler und liebe Jugendliche, die sich gleich spontan für eine andere Schule entscheiden: von den Schülern, die diesen Bildungsgang bei uns beginnen, schaffen nach zwei Jahren etwa die Hälfte die Abschlussprüfung. Warum ist das so? Natürlich, weil die Schüler dem Stoff nicht gewachsen oder zu faul sind (oder beides). Ich möchte, dass diese Quote besser wird und werde Sie deshalb jetzt so gut wie möglich beraten, um Ihnen zwei nutzlos vergeudete Jahre zu ersparen.

Beim Anblick unserer Schulleitung in diesem Moment wurde mit klar, dass ich wohl auch das nächste AVJ unterrichten würde und die Medienfächer weiter qualitativ vereinsamen werden. Zum Glück hatte keiner der anwesenden Entscheidungsträger eine Schusswaffe dabei. Immerhin gelang mir etwas, was den Vorrednern nicht gelungen war: Das Publikum wurde wieder wach.

Leider ist für diesen Bildungsgang keine Eingangsprüfung vorgesehen, also müssen Sie selber entscheiden, ob eine Eignung vorliegt. Das Fach MMP ist eines der Hauptfächer und muss in der Prüfung bestanden werden. Die Schwerpunktarbeit, die in diesem Bereich geschrieben wird, MUSS im ersten und einzigen Versuch bestanden werden. Eine mündliche Ergänzungsprüfung ist hier nicht zulässig.

Viele kommen an diese Schule und denken, dass „Medienunterricht“ bedeutet, wie ein Popstar zu chillen oder dass ein besonderes Talent – siehe DSDS – für einen Abschluss ausreicht. „Meine Tochter kann so schön malen“ ist ja gut und schön, hilft hier aber überhaupt nicht weiter. Multi- mediaprodukte werden im professionellen Bereich nicht zusammengeklickt, sondern PROGRAMMIERT. Programmieren ist kompliziert! Es darf nicht ein einziger Tippfehler dabei sein, sonst versteht der Computer nicht, was er tun soll. Der Programmcode muss FEHLERFREI sein!

Programmierung hat viel mit Logik zu tun – wie Mathematik. Wer in Mathe also eine vier hat (hier werden die Noten in der Regel immer eine Stufe schlechter, bei uns also eine fünf) bekommt in MMP gleich noch eine dazu – sozusagen „Zwei zum Preis von Einer“. Es gibt viele Hausaufgaben und wer die Aufgaben auf seinem USB-Stick zuhause vergißt – diese Ausrede kennen wir schon – fährt nach Hause und holt ihn. Die versäumte Zeit wird dann am Nachmittag nachgeholt.

Ebensowichtig wie Mathe und Logik ist Englisch. Fast alle guten Foren und Publikationen sind in englischer Sprache. Die Software, die wir verwenden, teilweise auch. Wer Ausdrücke wie „File Transfer Protocol“ nicht ohne Wörterbuch übersetzen kann ist hier definitiv fehl am Platze.

(Bei diesem Satz dachte ich im Wesentlichen an meine FTP-nicht-kennenden Lieblingskollegen).

Übrigens muss in allen Fächern (in allen Präsentationen, Klassenarbeiten, …) auch immer die Rechtschreibung in die Note eingehen – wer will schon eine Website in Falschdeutsch?

Unterrichtet wird HTML, CSS und Flash. Die Einzelheiten finden Sie auf unserer Website, die Sie sicher schon eingehend studiert haben. Haben Sie noch Fragen?

(Damals war Flash noch aktuell – es war bevor Steve Jobs und Adobe sich wegen der Sicherheitslücken in Flash in die Wolle kriegten und Flash aus den Apple-Mobilgeräten ausgesperrt wurde. Wurde der Lehrplan eigentlich bis heute angepasst oder wird Flash noch immer unterrichtet? Naja, Dinosaurier haben ja bis heute auch eine gewisse Faszination). Fragen kamen übrigens keine.

Eines ist seit diesem Vortrag sichergestellt: Zukünftig wird einer der Verpisser dienstverpflichtet.

An die zentrale Informationsveranstaltung schließt traditionell die Gelegenheit für Einzelgespräche an. Hierzu begab ich mich mit einem Kollegen eines anderen Faches in einen separaten Raum, um ansprechbar zu sein. Zunächst kamen nur Besucher, die schon zur „zentralen Kundgebung“ anwesend waren. Diese bevorzugten das Gespräch mit meinem Kollegen. So konnte ich mir ein Bild von seiner überlegenen Gesprächsführung machen: „Natürlich ist ihr Sohn bei uns gut aufgehoben“, „schlechte Mathenote, naja, manchmal versteht man sich ja mit dem Lehrer nicht, hier ist ja ein Neuanfang“, „Ihre Tochter kann zeichnen, ist ja toll. Ich habe auch eine Tochter, die zeichnet“, …

Leider kamen jetzt auch vermehrt Gäste, die die vorangegangene Informationsveranstaltung nicht besucht hatten, die Besucherströme teilten sich etwa zu gleichen Teilen unter uns auf. Trotzdem war mein Kollege immer von einer ansehnlichen Menschentraube umgeben. Ich hatte in der Regel nur ein bis zwei Ansprechpartner. Als es etwas ruhiger wurde, fragte er mich, wie ich das anstellen würde. Daraufhin hospitierte er ein paar meiner Beratungsgespräche.

Der Normalablauf eines Beratungsgespäches begann in der Regel mit dem Erscheinen eines Elternpaares, das ein lustloses Balg vor sich durch die Tür schob.

Vater: „Was kann mein Sohn hier lernen?“

BTFH:“ Wie mann Gespräche beginnt, zum Beispiel mit einer Grußformel.“

(Gespräch beendet.)

Der Einfachheit halber werden die nachfolgenden Gespräche dennoch ohne die zuvor ausgetauschten Höflichkeiten wiedergegeben.

Mutter: „Unser Sohn kann so toll Computer“

BTFH: „Kann auch Deutsch?“

(Gespräch beendet.)

Mutter: „Wir möchten gerne, dass unser Sohn an diese Schule kommt.“

BTFH: „Wie sind die Noten in Mathematik und Englisch?“ 

Mutter: „Beides vierplus“.

BTFH: „Tut mir leid, bei uns werden nur Medienberufe ausgebildet.“

(Gespräch beendet.)


Vater: „Was lernen die Kinder hier genau?“

BTFH: „Zum Beispiel, wie man im Internet recherchiert – die Unterrichtsinhalte dieser Schulform zum Beispiel stehen alle auf unserer Website“.

(Gespräch beendet.)

Es könnte noch lange so weitergehen, aber im Kern kämen jetzt nur noch Wiederholungen. Überraschenderweise kam ich im kommenden Jahr zu der Ehre, die Klassenlehrerschaft einer dieser Klassen zu übernehmen. Seltsamerweise gaben 90% der Bewerber als Wunschklassenlehrer meinen Kollegen an. Mir blieben die mit gutem Benehmen, überdurchschnittlichen Mathe- und Englischkenntnissen und vernünftigen Eltern – Klasse statt Masse eben. Mein Kollege soll mit seinen Schülern nicht ganz so viel Glück gehabt haben.

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