Nomen est omen

Toll! Ich hatte einen osteuropäischen Nachnamen als Mädchenname… einen Migrationshintergrund haben lediglich 3/4 meiner Großeltern (1 x Prag, 2 x Danzig, 1x Biodeutsch). Meine Eltern sind schon beide in Norddeutschland aufgewachsen. Bei mir ist vom Migrationshintergrund nichts zu spüren: Ich habe ausschliesslich einen norddeutschen Migrationshintergrund. Trotzdem bekomme ich unangeforderte Werbebotschaften in kyrillischen Lettern. Warum? Weil meine Eltern so dämlich waren, mich „Boris“ zu taufen.

Wie kommt jemand, der schwer depressiv und zwanghaft ist, zu einem Namen, der übersetzt „der eiserne Kämpfer“ heißt? Und das bei einer aggressiv-dominanten Mutter, die sich eigentlich ein Mädchen wünschte und ihre Söhne im Kleinkinderalter deshalb wie Mädchen kleidete?

Die Lösung ist ganz einfach: Das Kino! Das Bücherregal meiner Eltern zieren die Werke von „Angelique“ und Konsalik. Als Hochkultur mit zeitgeschichtlichem Hintergrund noch die Werke von Hans Helmut Kirst. Ein Pasternak im Kino ist somit ein wahrer Glücksgriff für die Namensfindung gewesen. Der Autor Boris Pasternak gab in „Dr. Schiwago“ seinen Hauptfiguren die Namen Alexander und Tanja. Welch ein Zufall, dass mein jüngerer Bruder Alexander heißt. (Allerdings verwechselte Muttern bei dieser Gelegenheit den A- und B-Wurf).

Dass ich mit diesem Namensproblem nicht alleine dastehe, zeigen die anderen Namen meiner Jahrgangskollegen. An dieser Stelle möchte ich einige meiner Ex-Freundinnen grüßen: Tanja-1, Tanja-2, Tanja-3, Tanja-4 und Tanja-5. Tanja-4 und Tanja-5 haben sich übrigens einmal kennengelernt. „Darf ich vorstellen, Tanja, das ist Tanja“, „Ach, ich bin Nummer 5, und Du?“

Immerhin ist ein bildungsfernes Elternhaus 1969 weniger schlimm als ein bildungsfernes Elternhaus in modernen Zeiten. Zwischenzeitlich hieß es in deutschen Lehrerzimmern: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“. Stimmt. Wer seinem Sprößling den schönen deutschen Namen „Kevin“ gibt, denkt an den Zusatz „allein zu Haus“. Zum Glück war das Kinoprogramm 1969 noch nicht so weit im Niveau gesunken. Wer einen derartigen Film so toll findet, dass der Sohn danach benannt wird, erleichtert den Start in das Leben nicht wirklich.


Danach wuchs eine Generation von „Justin“s heran – in den Lehrerzimmern entsteht schon eine Gänsehaut beim Gedanken daran.

Die weiblichen Pendants heißen übrigens „Titney“ – äääh – ich meine natürlich „Britney“ (das Original ist das mit den Implantaten). Hier ist die Namensgeberin schon so weit heruntergekommen, dass selbst die langsamsten Eltern den Namen am liebsten wieder ändern würden. Also: Wenn schon Namen von „Prominenten“, dann schon von verstorbenen – sicher ist sicher. (Wie wäre es mit „Elvis“? Die Mutter wäre mir sympathisch!)

Hoch im Kurs bei weiblichen Vornamen sind die, die einen Verdacht auf den früheren Beruf der Mutter aufkommen lassen, z.B. „Chantal“, „Mandy“, …

Einer der schönsten weiblichen Vornamen wird übrigens (a) nicht mehr verwendet und (b) falsch ausgesprochen, seitdem ein paar Autofabrikanten auf die Idee kamen, klobige Stahlklötze so zu benennen. Eigentlich müßten die Fahrzeuge dieser Marke „Waltraud“ (=“Die sich auch im Wald traut“) heißen.

Ich weiß nicht, ob klassische Namen dem Kind einen besseren Dienst erweisen. „Pamina“ klingt eher wie billiges Bratfett und Zarastro wäre für mich ein Hochstapler (mit Harmoniesülze noch dazu, außerdem muss er ein „metoo-Täter“ sein, warum wäre die Königin der Nacht sonst so sauer auf ihn). Sollte ich mir einen neuen Namen suchen, würde ich mich wohl spontan für „Danilo“ entscheiden.

Auch sind Namen schön, die sich in den wichtigsten Sprachen der Welt aussprechen lassen. Eine ableitbare Abkürzung – als Kosenamen – ist auch praktisch, klappt aber auch nicht bei allen Namen.

Muss ein Name eigentlich einen Hinweis zum Geschlecht geben? Ich bekam einmal eine Klassenliste, bei der ich gerade einmal bei drei von 25 Schülern das Geschlecht anhand des Namens erkennen konnte! Die normale Disziplinarkonferenz beginnt deshalb auch immer mit der Frage des Vertreters der Schulleitung „ist es ein Er oder eine Sie und wie wird das ausgesprochen?“

Der aktuelle Trend geht zu Namen, die die Situation der Rechtschreibkenntnisse dokumentiert: Drei Buchstaben müssen reichen: Mia, Ben, Leo, Lea, …

Wir setzten diesen Trend etwas entgegen: Der Namen unseres ersten Sohnes:

Ludwig Zirian Ferdinand

Der klassische Ansatz lässt sich nicht leugnen. Freude schöner Götterfunken! Zudem haben wir mit diesem Namen auch gleich bildungspolitische Tatsachen geschaffen! Unser Sohn wird nie an eine Waldorf-Schule gehen! (Die Unterrichtsstunde wäre vorbei, bevor er seinen Namen getanzt hätte). Auch kann er später einen von vier Rufnahmen selber wählen. Vier? Ja, vier!

Maarkieren Sie Ihren Rufnamen sähe dann so aus: Ludwig Zirian Ferdinand.

Andere verursachen ihr Unheil selber. So heiratete im Bekanntenkreis einmal eine Natalie Rinderzunge einen Klaus Topftag. Welchen Familiennamen würden Sie wählen? Natalie behielt ihren Namen. Dass sie eine “von” Rinderzunge war, hat sie bis dato niemanden verraten, einen Wechsel hätte die stolze Adelsfamilie ihr übel genommen – sie ist eine echte Baronin. Allerdings – so die klassische Blaublutbenamung – ist dies bei den Damen kein Namensbestandteil. Wäre sie ein Mann gewesen, so hätte sie Natalie, Baron von Rinderzunge gehießen.

Ihr Verlobter aber, liebte den Adelstitel und wollte deshalb am Standesamt in den Adelsstand erhoben werden. Er würde bei Übernahme des Familiennamens seiner Verlobten als zukünftig Klaus Baron von Rinderzunge heissen. Weil das nicht reichte (und weil er Kinder aus erster Ehe hatte) wollte er zudem den eigenen Namen dem Familiennamen voranstellen. So entstehen die schönen Doppelnamen, die sonst typisch für Lehrer*innen sind, die dadurch ihre eigene Identität offen sichtbar waren wollen.

Somit wurde sein Name dann Klaus Topftag-Baron von Rinderzunge. Die Standesbeamtin fragte, ob er das ernst meine und ob er viel unterschreiben müsse. Er musste. Die Frage stellte sie noch mehrfach, ihren Auftritt geniessend, nachdem sie bemerkte, wie sehr sie das zahlreiche Publikum damit zum Lachen brachte. Allein Klaus war nicht zum Lachen zu mute. Auch nicht als wir anboten, ihn zu Weihnachten mehrere zusätzliche Vornamen zu schenken, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Das Angebot, ein Namenswappen für ihn zu entwerfen lehnte er ebenfalls ab.

Bald lernten wir, dass die Standardsoftware für die Durchführung von Tanzsportturnieren eine begrenzte Zeichenzahl für den Nachnamen bereitstellte. So wurden die beiden fortan angesagt als Natalie von Rinderzunge mit ihren Partner Klaus Topftag-Baron von Ri. Manchmal wäre es hilfreich, über sich selber lachen zu können.

Selbst habe ich durch Eheschliessung meinen Nachnamen von 8 auf 5 Buchstaben verkürzt – danke an E2. Diesen übernahm dann auch E3, so dass er beim Mensapoker schon mal dreifach auf der Startliste stand. E3s Mädchenname hatte 6 Buchstaben. (Vielleicht sollte ich doch über einen Dreibuchstabenvornamen für mich nachdenken).

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