Hurra: Zwanghaft

 

Was ist Zwanghaftigkeit und was kann mann damit anstellen? 

Die erste Frage beantwortet uns Wikipedia, Zwanghafte Persönlichkeitsstörung: 

Die zwanghafte Persönlichkeitsstörung (auch anankastische Persönlichkeitsstörung [vom altgriechischen ανάγκη, anánke, „Zwang“, „Zwangsläufigkeit“] oder Zwangspersönlichkeitsstö- rung) ist eine Persönlichkeitsstörung, die durch Rigidität, Perfektionismus, ständige Kontrollen, Gefühlen von Zweifel sowie großer Vorsicht gekennzeichnet ist. 

Für mich als krankhaft Zwanghaften ist ein gewohntes Umfeld besonders wichtig. Wenn ich zu meinen Schatzi (Schatzi ist keine Mischung aus „Schaf“ und „Ziege“!) sage: „Komm Schatzi, wir gehen shoppen“ weiss sie schon: Es geht in den Baumarkt. 

In den Gängen eines Baumarktes ist mann herrlich einsam – nicht so wie in den überlaufenen Einkaufszentren der Innenstädte. (Allerdings auch, wenn mann einen Verkäufer sucht). 

In der Vorweihnachtszeit wurde dieses Sicherheitsgefühl empfindlich gestört. Fast alle Baumärkte haben Weihnachtsdekoration ins Sortiment ausgenommen und somit auch untypisches Publikum angelockt. Jetzt laufen auch schon Hausfrauen mit schreienden Kleinkindern an der Hand durch den Männertempel  – wo führt das noch hin? 

Zeit für mich etwas zu unternehmen und das Reich zu verteidigen. Schon lange hat es mich geärgert, dass bei Bezahlung mit EC-Karte ein ewig langer Text zu unterschreiben ist. Mit Rücksicht auf die nachfolgende Schlange wird dieser von niemanden gelesen, bisher auch von mir nicht. Diese Rücksicht auf meine Mitmenschen hat mir immer Magenschmerzen bereitet – schließlich brauche ich als Zwanghafter stets die volle Kontrolle. 

Jetzt war es also so weit. Natürlich habe ich mich mit Hilfe einschlägiger Suchmaschinen auf meinen Baumarktbesuch vorbereitet. Jetzt kam es noch auf die richtige Zeiteinteilung an: Es galt, möglichst viele verlaufene Weihnachtseinkäuferinnen hinter mir in einer Schlange zu versammeln. Als nur eine Kasse offen war entdeckte ich eine Art Sternlauf zu genau dieser. Aufgrund meiner günstigen Beobachtungsposition konnte ich diese vor den anderen erreichen. Zur Abwicklung meines Kaufvorganges habe ich mich für eine (1) Elektrodose zum Eingipsen (19Ct) entschieden, die ich nun mit meiner EC-Karte bezahlen wollte. 

Hilfsbereit legte mir die Kassiererin den Beleg und einen Kugelschreiber zurecht. Jetzt kam mein großer Moment: 

Erst einmal mußte ich meine Taschen nach meiner Brille abtasten – immerhin sind die Texte auf dem Kassenbon ja winzig geschrieben. Mein Schatzi begann schon mit der Ausschau nach einer Grube, um im Boden versinken zu können. Schließlich weiß sie ja, dass ich meine Brille nicht zum Lesen, sondern nur zum Autofahren benötige und ein Kassenbon hat üblicherweise weder Kupplung nach Gaspedal. 

Unter dem eigentlichen Kassenbon (Elektrozubehör, 0,19 EUR) stand jetzt der folgende Text: 

Ich ermächtige das oben/umseitig genannte Unternehmen sowie die feasycash GmbH, den heute fälligen, umseitigen Betrag von meinem Konto per Lastschrift einzuziehen. 

Ich war etwas verwirrt wegen des „umseitig genannten“ – die Rückseite war nämlich leer. Die freundliche Verkäuferin informierte mich, dass damit nur „oben“ von „oben/umseitig“ gemeint sei, worauf ich sie darauf aufmerksam machen musste, dass es dann besser wäre auch nur „oben“ zu schreiben. 

Das wäre so vorgegeben und könne nicht geändert werden. „Was? Sie können die Texte in Ihrer eigenen Kasse nicht ändern? Und ich soll Ihnen vertrauen, dass Sie in der Lage sind, den obigen (umseitigen*g*) Betrag korrekt abzubuchen?“ – Schatzi hatte die Suche nach einer Grube aufgegeben und versuchte sich als Chamäleon. 

Es ging weiter: 

Ich weise mein Kreditinstitut unwiderruflich an, bei Nichteinlösung der Lastschrift dem Unternehmen sowie feasycash auf Anforderung meinen Namen und meine Anschrift zur Geltendmachung der Forderung mitzuteilen. 

Auch diesen Absatz habe ich wieder laut gelesen und dabei die aktuelle Leseposition mit dem Kugelschreiber verfolgt. Somit konnten die Mitglieder (der inzwischen aus 13 Personen bestehenden) Schlange sehen, dass ich immerhin schon fast 10% des Textes er- schlossen hatte. 

Datenschutzrechtliche Information 

Meine Zahlungsdaten (Kontonummer, Bankleitzahl, Kartenverfallsdatum, Kartenfolgenummer, Datum, Uhrzeit, Zahlungsbetrag, Terminalkennung, Ort, Unternehmen und Filiale) werden zur Kartenprüfung und Zahlungsabwicklung an feasycash weitergegeben. 

An dieser Stelle unterbrach mich die immer noch freundliche Verkäuferin: „Sie bekommen auch eine Kopie des Textes mit und können das dann in Ruhe zu Hause lesen“. „Aber ich muss doch erst lesen, was ich unterschreibe!“ Zwanghaftigkeit kann also auch Spaß bringen! Schon jetzt war ich mir der heilenden Wirkung auf die Einkaufsfremdkörper sicher: Der nächste Weihnachtseinkauf würde wieder beim heimischen Supermarkt stattfinden. Aber so einfach mache ich es meinen Gefangenen nicht. Wozu habe ich mir schließlich die Mühe der vorhergehenden Internetrecherche gemacht! 

An feasycash wird ferner gemeldet, wenn eine Lastschrift nicht eingelöst wurde (Rücklastschrift). Wenn Sie im Zusammenhang mit einem Widerruf einer Lastschrift erklärtermaßen Rechte aus dem zugrundeliegenden Geschäft (z.B. wegen eines Sachmangels bei einem Kauf) geltend gemacht haben, wird die Meldung umgehend gelöscht. 

„Also, bedeutet das, dass ich eine Mängelrüge nur mit dem Mittel der Rücklastschrift durchführen kann, wenn ich auf eine Löschung der Meldung wert lege oder kann ich auch – wie sonst üblich – eine Barrückzahlung akzeptieren und die Meldung wird trotzdem gelöscht? Bekomme ich in diesem Fall einen Löschungsbeleg von Ihnen und kann ich die Löschung bei feasycash – z.B. durch einen Registerauszug – kontrollieren?“ 

Die Verkäuferin hatte jetzt einen seltsamen Gesichtsausdruck. Einen Moment lang war ich versucht noch einmal in den Markt zu laufen um nach einer Taschenlampe zu suchen. Hätte ich diese an ihr Ohr gehalten – ich war mir sicher, die Augen hätten geleuchtet. 

Panisch griff die ehemals freundliche Verkäuferin zum Telefon: „Herr Düselgrütz, bitte zur Kasse Vier!“ und zu mir: „Der Marktleiter kann Ihnen sicher weiterhelfen.“ 

Ich fragte mein Schatzi laut und vernehmbar, ob sie mir sagen könne, ob ich meine Antidepressiva und den Tranquilizer schon genommen habe, oder ob die Entlassung aus der Klinik in der Vorweihnachtszeit vielleicht doch etwas zu früh war, denn ich würde einer starken Belastung durch diesen komplizierten Text ausgesetzt. Schatzi fiel das Verschmelzen mit der hinter ihr liegenden Wand sichtlich schwer. 

Mit Rücksicht auf die nachfolgenden – inzwischen 21 – Kunden nutze ich die Zeit bis zum Eintreffen des Marktleiters mit meiner weiteren Lektüre: 

Zudem… 

Jetzt musste ich mich einmal direkt an die Wartenden hinter mir wenden: „Entschuldigen Sie bitte, seit der Rechtschreibreform bin ich immer so verwirrt. Wird ‚Zudem‘ wirklich zusammen geschrieben? Bei der nachfolgenden Abstimmung (13 Stimmen für Zusammenschreibung, zehn dagegen bei zwei Enthaltungen) stellte ich fest, dass ich inzwischen 25 verlaufene Weihnachtseinkäufer in meiner Gewalt hatte. 

Zudem werden die Zahlungsdaten zur Verhinderung von Kartenmissbrauch und gemeinsam mit Rücklastschriftdaten zur Begrenzung des Risikos von Zahlungsausfällen gespeichert und genutzt. 

Hier interessierte mich jetzt die Dauer der Speicherung. Ich habe ernsthafte Bedenken, ob eine unbegrenzte Speicherung zulässig ist und wenn dem so ist, wovon ich ausgehe, ob es dann zulässig ist, die Speicherfrist nicht zu benennen. Die Verkäuferin hyperventilierte inzwischen. 

Der Mann, der jetzt erschien war nicht der Marktleiter. Er hatte einen Ausweis vom Roten Kreuz und begann sofort damit, die Älteren unter den Wartenden mit Sitzgelegenheiten, heissem Tee und Decken zu versorgen. Warum hatte er nur die Rätselhefte vergessen? 

feasycash erteilt insoweit auch an andere Händler, die an ihrem System angeschlossen sind, Empfehlungen, ob eine Zahlung mit girocard und Unterschrift akzeptiert werden kann. Soweit eine Zahlung mit girocard und Unterschrift nicht akzeptiert wird, besteht die Möglichkeit, eine positive Autorisierung durch das kartenausgebende Kreditinstitut vorausgesetzt, mittels Eingabe der PIN die Zahlung bargeldlos vorzunehmen. 

Werden bei einer bargeldlosen Zahlung mit PIN eigentlich auch auch Daten an feasycash übermittelt? Diese Frage hätte ich der Verkäuferin gerne noch gestellt. Diese ergriff aber wortlos die Flucht, als Herr Düselgrütz erschien. Einigermaßen verwirrt nahm er an der Kasse Platz um den Zahlungsvorgang abzuschliessen. „Kein Wunder, dass die Gute in Panik ist, bei einer so langen Schlange vor Ihrer Kasse…“ 

Ich stellte also meine Fragen. Darüber hätte er sich noch keine Gedanken gemacht. Ich könne mich aber gerne auf der Internetseite von feasycash ausführlich informieren. 

„Bis das geklärt ist, möchte ich dann lieber doch bar zahlen. Schließlich erwarte ich einen verantwortungsvollen Umgang mit meinen Daten!“ – ich versuchte traurig zu gucken „Dabei hätte ich diese moderne Zahlungsmethode doch so gerne einmal ausprobiert“. Schatzi ist halt doch kein Chamäleon, also begab sie sich auf die Suche nach Scotty („Beam me up!“). 

Herr Düselgrütz drückte die „Abbruch“-Taste, nachdem er mir wehleidig erklärte, dass er dann meinen ganzen Einkauf noch einmal einscannen müsse. 

Ich beruhigte Ihn, dass ich nur einen Artikel erwerben möchte und ärgerte mich insgeheim darüber, dass ich nicht 54 verschiedene Schrauben jeweils einzeln in je einer Kleinteiletüte zusammengestellt hatte. Die hätten dann wenigstens keinen Barcode zum scannen gehabt. 

Auf der Anzeige der Kasse erschien jetzt „Zeitüberschreitung bei Zahlungsvorgang – schwerer Systemfehler – Kasse wird heruntergefahren“. 

„Das wird jetzt ein wenig dauern, unser ganzes Warenwirtschaftssystem crasht jedesmal, wenn die Kasse abstürzt“. 

Ich habe dann vom Kauf abgesehen – was soll ich schließlich auch mit einer Elektroeinputzdose? Ich setzte mich zu meinem Schatzi, die im angrenzenden Café (gefunden bei der Suche nach einem geeigneten Mauseloch) bereits ihren dritten „Latte“ schlürfte und ernsthaft über den Erwerb einer Burka nachdachte und bestellte mir einen Cappucino. 

Ganz gemächlich zählten wir bis 54 (die Wartenden). Schon nach 14 Minuten war die Kasse wieder einsatzbereit. Schöne neue Technikwelt! 

Wissen Sie jetzt, was mann mit Zwanghaftigkeit alles Lustiges erleben kann? Aufgrund des problematischen Geschäftsgebarens der „feasycash“ wird ausdrücklich zur Nachahmung geraten. 

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