So geht Lehrgangsabschluss (Teil 1)

Unser OAJ (Offizieranwärterjahrgang) hatte einen ganz besonderen Ruf: der versoffenste und verrückteste aller Zeiten.

Es gab einen Trigger für uns: “geht nicht”. Während wir also die Hubschraubergrunsausbildung absolvierten, schwärmte unser Ausbildungsleiter regelmäßig von den Abschlusstreichen vergangener Jahrgänge, die nicht zu schlagen wären.

Challange Accepted.

Der Lehrgang ging über neun Monate – also genug Zeit, sich etwas vorzubereiten. Den Lehrgang müssen Sie sich so vorstellen: 20 Offizieranwärter – alle um die 20 Jahre alt – bekommen jeweils zu zweit ein Zimmer und einen Fluglehrer. Geschult wurde 1990 (und noch viele Jahre danach) mit den hochmodernen Ausbildungshubschrauber Alouette II, die zwischen 1957 und 1960 an die Bundeswehr geliefert wurden. Damit wurden die ersten der Geräte zwölf (!) Jahre vor meiner Geburt geliefert und hätten problemlos ein H-Kennzeichen erhalten, wenn dieses nicht auf Automobile beschränkt gewesen wäre. Diese Leistungsnachweise französischer Ingenieurskunst hatten einen elektrischen Kraftstoffhahn, der beim Anlassverfahren – mit Schlüssel drehen ist es nicht getan – hörbar öffnete. Wenn das Geräusch ausbleibt, bei hochbetagten Fluggerät also immer – half ein kräftiger Tritt auf den Kabinenboden. So begann jede Flugstunde mit einer vertrauensbildenden Maßnahme.

Schon in der dritten Lehrgangswoche gründeten wir motiviert die Arbeitsgruppe “Abschlussstreich” um Jacky – wie unser Leiter genannt wurde – so richtig einen einzuschenken. Haben Sie eine Idee, wie man in der pre-Internet-Zeit an 5000 Pappbecher kommt? Es war gar nicht so leicht.

Als es dann so weit war, legten wir eine Nachtschicht ein.

Schritt 1: In der Ganzen Kaserne hängten wir Schilder auf: “Ich bin einsam, ruf’ mich an! App322, Jacky”.

Schritt 2: Wir enterten wir das Lehrgangsgebäude und stellten alle Radios (damals waren Radiowecker die vorherrschende Daseinsform) auf a) Dienstbeginn und b) volle Lautstärke.

Schritt 3: Wir füllten 5000 Pappbecher mit Wasser und vermienten damit das Leiterbüro: Der gesamte Fußboden, Schreibtisch, Stuhllehnen – überall standen Wasserbecher. Natürlich standen die Stuhlbeine in Wasserbechern, AUF der geöffneten Tür standen sie und sogar an die Pinnwand haben wir sie gepinnt. Besonders gut gefiel und auf dem Spind aber unter dem Helm. Die Aktion dauerte drei Stunden – der häufigste Satz des Abends war “einen Becher Wasser bitte!”.

Schritt 4: Für den kommenden Tag hatte sich “General Flugsicherheit” angekündigt, ein kleiner Anruf bei der Wache: “Hallo, hier ist der Adjudant von General Flusi. Bitte morgen früh die Offiziere X,Y,Z bitte direkt in Ausbildungsgebäude schicken – antreten beim General.

Sichtlicht verwirrt erschienen unsere Ausbilder am nächsten Morgen zum Dienstbeginn im Ausbildergebäude statt wie üblich zum Fliegerbriefung zu gehen. Die Verwirrung wich zugunsten einer blanken Panik: Gleich kommt Gen Flusi und es herrscht ein Lärm wie in der Großraumdisko. Es liefen nicht nur alle Radios auf Vollgas – die Telefone klingelten auch alle. Da Jackys Rusnummer besetzt war, wurden einfach die Nachbarapperate angerufen.

Ein Abstellen des Lärms war nicht möglich, da der Weg zu den Lärmquellen mit Wasserbechern verstellt war.

Irgendwann kam dann auch der General, der unsere Ausbilder beim Morgenbriefing vermisste. Er gab mit den Blick auf die Becher nur einen Befehl an unseren Leiter: “Austrinken! Sofort!”.

Am Abend trafen wir unser Opfer im Offiziercasino und fragten ihn, ob wir ihn zu einen Glas Wasser einladen dürften. Der Abend endete mit 21 volltrunkenen Offizieren im Majorswohnzimmer. Selbiger schlief halb auf dem Sofa, halb auf dem Boden. Die Hausbar war leer.

Die Zettel haben wir offensichtlich nicht alle wiedergefunden – noch Wochen später kamen Anrufe für den einsamen Jacky. Ob es geholfen hat – wir wissen es nicht.

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