Die schönste Zeit für Klassenarbeiten

„Heute ist Zahltag!“ ist meine übliche Begrüßungsformel bei Klassenarbeiten. Klassenarbeiten sind in vielerlei Hinsicht ein schöner Anlass. Das beginnt schon während des Schreibens: Die Kleinen sind endlich mal ruhig und wer fertig ist, verläßt freiwillig den Raum – also etwa 50% während der ersten 10 Minuten. Da ist dann auch die Notenfindung einfach. Vielleicht sollte ich mir einen Stempel mit Datum, Unterschrift und „6“ anfertigen?

Die „Range“ der Noten ist bei den meisten Lehrern etwas eingeschränkt, sie vergeben nur die Noten 2,3,4 und manchmal 5. Selbst bei einer vergebenen 5 in den Klassenarbeiten läßt sich die Gesamtnote 4 „ersitzen“ – schließlich sind gute Bildungsabschlüsse eine Forderung der Politik! Dass ein heutiger Realschulabschluss weniger Wissen voraussetzt als ein Hauptschulabschluss vor 20 Jahren ist eine direkte Folge dieser Noteninflation und politisch gewollt.

Bei mir gibt es in fast jeder Arbeit fast jede Note, also 1,2,3,4,5,6 und manchmal auch die 7. Normalerweise schreiben auch die schlimmsten Hohlkörper noch ihren Namen und das Datum auf die Klassenarbeit. Das reicht dann immerhin schon für eine 6. Wer es versucht und schon dabei einen Fehler produziert, hat die 7 sicher. Bisher hat sich noch niemand darüber beschwert. Entweder die Siebenen werden den Eltern verheimlicht oder den Eltern ist es zu peinlich, bei einem so kompetenten Nachwuchs noch eine Beschwerde bei der Schulleitung vorzutragen. Vermutlich bedauern auch manche die fehlende Möglichkeit einer postnatalen Abtreibung – auch mit Beratungsgespräch.

Etwas weniger schön ist die Notwendigkeit einer Korrektur. Normalerweise habe ich diese bis zum nächsten Tag erledigt. Liegen die Freistunden „günstig“, reiche ich auch schon mal eine Arbeit nach der nächsten Pause in die Klasse, allerdings nur um die Kollegen zu blamieren, die dafür teilweise wochenlang die dämlichsten Ausreden präsentieren.

Da die Zeit, während die Kleinen noch schreiben, auch genutzt werden kann, erfahren manche schon direkt nach der Stunde ihre Note, der Rest dann etwas später auf Facebook – wenn sie einen Nickname angegeben haben. (So bekomme ich recht schnell alle Schüler in meine Facebook-Listen und habe volle Transparenz, wer mal wieder in Folge eines Vollrausches schwänzt).

Am liebsten lasse ich Klassenarbeiten natürlich in den ersten Stunden schreiben – damit führe ich immerhin den Nachweis, dass es möglich ist, die Schule mit öffentlichen Verkehrsmitteln pünktlich zu erreichen. Natürlich schaffen das nicht alle, aber das vermindert ja wieder meinen Korrekturaufwand.

À propos Korrekturaufwand, da gab es ja so etwas wie eine Schlaraffenlandzeit für Lehrer: Während der Guttenberg-Affäre war bei mir grundsätzlich das Abschreiben erlaubt. Immerhin hat unsere Bundes-Angie ja betont, dass ihr das Abschreiben ihres Ministers egal war. Nach dem Rücktritt war diese Begründung leider nicht mehr haltbar.


Die Niedersachsen haben es da besser, ausgerechnet der Kultusminister Dr. rer. pol. Bernd Althusmann ist des massiven Abschreibens überführt und darf weiter im Amt bleiben um als oberster Vorgesetzter der Lehrer und Schüler als maximal beschissenes Vorbild zu dienen. Liebe Kollegen, da geht nur eines: In Niedersachsen ab sofort das Abschreiben erlauben, damit kann mann Kultusminister werden.

Die Statistik der bescheißenden Möchtegerndoktoren wird übrigens von der kleinsten Partei angeführt. Da sie bald aber nicht mehr in den Parlamenten vertreten sein wird, spielt sie schon jetzt keine Rolle mehr. Die freien demokratischen Schaumschläger werden wohl nur von den Hoteliers vermisst werden. (Die müssen jetzt viel weniger „Abschreiben“ (AfA), da sie ja ohnehin weniger Steuern zahlen).

Übrigens müssen Klassenarbeiten, bei denen über 50% der Noten 5 und 6 sind vom Schulleiter genehmigt werden – so bekamen wir uns regelmäßig zu sehen. Allerdings ist nicht relevant, ob die Arbeit in einer oder in mehreren Klassen geschrieben wurde. Zuletzt hatte ich zwei aufeinanderfolgende Klassen. Die eine – nennen wir sie Klasse „G“ – in der 1./2. Stunde und die andere – Klasse „B“ – danach in der 3./4. Stunde.

Die Klasse „G“ war bekannt als Streberklasse, noch nie hatte es hier eine Konferenz wegen Verspätungen gegeben und die Noten waren überdurchschnittlich gut. Bei mir kamen sie allerdings laufend zu spät und hatten tausend Ausreden. Es stellte sich heraus, das der Klassenlehrer die Verspätungen einfach nicht dokumentierte – ich schon. Der Kollege und ich haben etwas andere Vorstellungen von Disziplin, teilte der ehemalige Zivildienstleistende seiner Klasse mit und legte vor dem Hintergrund meiner militärischen Vorbildung nahe, dass seine Erziehungsmethode natürlich die bessere sei.

Ich ließ ihn gewähren und erinnerte ihn nur noch etwa zweimal täglich daran, dass allein die Verspätungen in meinen Stunden schon zahlreiche Konferenzen verlangen würden – eingeladen zur Konferenz wurde natürlich nie, in den anderen Fächern lief es ja hervorragend.

Auch Mitschreiben oder Nacharbeiten war in dieser Klasse noch nicht konditioniert. Es kam wie es kommen mußte. Ich verließ die Schule für einen längeren Aufenthalt in der „Klappse meines Vertrauens“ und der stellvertretende Schulleiter durfte für mich die anstehenden Klassenarbeiten beaufsichtigen.

Seine Beobachtung: Klasse „B“ schrieb zuerst, fuhr die Rechner hoch und arbeitete konzentriert an der Klassenarbeit. Zum Stundenende waren alle Arbeiten im FTP-Sammelverzeichnis und ich konnte sie online korrigieren. Die Noten lagen zwischen 1 und 3 (mit Schwerpunkt auf der 1).

Einige Tage später schrieb die Klasse „G“ mit dem unschlagbaren Vorteil der Ruhe, die der antiautoritären Erziehung einer Klassengemeinschaft zu ungeahnten Wissenzuwächsen verhilft; im Rahmen dieser Souveränität natürlich unvorbereitet. Ich hatte sogar die unveränderte Klassenarbeit schreiben lassen, da ich mir sicher war, dass dieser arrogante Haufen sich nicht bei der Parallelklasse informieren würde. Dabei hätten sie innerhalb von Minuten zu einer perfekten Musterlösung kommen können. Schließlich waren die Noten durch die Instantonlinekorrektur ja schon bekannt und Einsen gab es zuhauf. Die korrigierten Arbeiten der Parallelklasse lagen auch ungeschützt auf dem Server. Copy & Paste vom Typ Guttenberg hätte also die sichere Lösung innerhalb von 30 Sekunden gebracht.

Die Noten bewegten sich dann aber im Bereich 4,5,6. Die meisten scheiterten schon am zigmal geübten Login am Server… das waren die, die trotz zahlreicher Aufforderungen zu faul waren, sich die Passwörter der Server zu notieren. Bei mir bleibt die Frage offen, warum diese Klasse bei den Kollegen so tolle Noten bekommt. Liegen die Lösungsblätter gleich den Klassenarbeiten bei oder wirkt die permanente Suggestion des Klassenlehrers bezüglich seiner „Superklasse“?

Eine tolle Variante, die Klausurzeiten zu minimieren, sind übrigens Ankreuzarbeiten nach „BTWI“ (Bastard-Teacher und ein Kollege, bei dem „WI“ im Namen vorkommt). Mann nehme einfach als Vorbemerkung zur Arbeit „Kreuzen Sie alle richtigen Lösungen an!“ und läßt dann die Aufgaben folgen. Vor dem Fotokopieren wird dann ein halber Klassensatz damit hergestellt. Auf der anderen Hälfte wird die Vorbemerkung durch „Kreuzen Sie alle falschen Lösungen an“ ersetzt. Jetzt muss bei der Verteilung der Arbeit nur noch eine gewisse Laszivität des Lehrers greifen („heute bin ich zu faul, die Sitzordnung für die Arbeit festzulegen. Setzt euch mal selber so hin, dass ihr nicht abscheiben könnt“)


und schon sitzen die Vollpfeifen neben jeweils einem Orakel, das die bearbeiteten Blätter gut lesbar am Rand des Tisches ablegt. Das Tolerieren dieses Schülerverhaltens minimiert den Korrekturaufwand dann erheblich. Wer als Schüler nicht merkt, dass so ein Elfmeter auch nach hinten losgehen kann, verdient die 6 eigentlich doppelt.

Am besten gefallen mir die Klienten, die sich nach der Arbeit beschweren „Ich habe doch alle so angekreuzt wie Mandy, warum hat sie eine 2 und ich eine 6“. „Genau deshalb“ wird dann manchmal nicht verstanden.

Dass Deutschlang ein Einwanderungsland ist, hat sich bei vielen Lehrern noch nicht herumgesprochen – deshalb findet immer wieder einmal im Jahr die gleiche Posse statt:

Einmal im Jahr ist für die Muslime Fastenzeit, nicht umbedingt mit sichtbaren Folgen für die Figur. Diese Zeit des Jahres endet mit dem Zuckerfest, für das die Muslime auf Antrag von der Schule freigestellt werden können. Übrigens muss dieser Tag nicht zu Weihnachten nachgeholt werden, was ich wiederum nicht verstehen kann. Immerhin wird mit einer unterschiedlichen Unterrichtszeit ja nicht für Chancengleichheit gesorgt.

Bei der Absprache der Termine für die Klassenarbeiten kann der Lehrer sich darauf verlassen, dass ein Superkluger eben diesen Termin des Zuckerfestes als Termin für die Klassenarbeit vorschlägt. Da ich nicht alle diese Termine im Kopf habe, merke ich es in der Regel erst, wenn die Arbeit von nur der Hälfte der Schüler geschrieben wird. Der Rest erhält das verdiente „Ungenügend“. Ein Anspruch auf einen freien Tag rechtfertigt nämlich nicht, eine Klassenarbeit vorsätzlich auf eben diesen Termin zu legen – und beantragt hat die Freistellung auch niemand.

Zum Glück frage ich immer bei der Koordination der Termine bei der Klasse, ob etwas gegen den Termin spricht. Wenn sich niemand meldet und auf das Zuckerfest hinweist, ist der Termin im Einvernehmen mit der Klasse gefunden. Wenn aus Sicht der Klasse nichts dagegen spricht, an diesem Termin zu schreiben, dann gehe ich davon aus, dass niemand einen Antrag auf Freistellung stellen will.

Häufig kommt dann die Ausrede „Ich wußte nicht, an welchem Datum das Zuckerfest war“. Dann müßte es zur 6 gleich noch eine Konferenz wegen Schwänzens geben: Wer seinen höchsten religiösen Feiertag im Kalender nicht kennt, ist wohl kaum so gläubig, dass er für diesen Tag freigestellt werden muss.

Die meisten versäumen ohnehin, den Antrag zu stellen. Damit erledigt sich dann sowieso die Diskussion, ob die Klassenarbeit nachgeschrieben werden darf. Ohne Antrag ist das Fehlen Schwänzen und das Thema ist durch.

Bei den ganz hartnäckigen Tricksern rate ich dazu, möglichst früh zu erfragen, welche Sternwarte für seine persönliche Religionsausübung relevant ist. Die Gläubigen, die ihren Kalender nach der Sternwarte in – ich glaube für Deutschland ist es Kassel – ausrichten, haben ihre Feiertage nämlich um Tage verschoben gegenüber den Gläubigen, die sich nach der Mondphase in Mekka richten.

Der Dienstherr unternimmt natürlich nichts, um seine Lehrer vor diesen Tricksereien zu schützen und ihnen die Arbeit zu erleichtern.

Es hilft Wikipedia, dort finden sich dann Einträge wie diesen: „2006 wurde das Fest des Fastenbrechens in Deutschland weitestgehend auf den 24. Oktober festgelegt. In vielen islamischen Ländern oder Ländern mit muslimischer Minderheit wurde das Fest 2006 am 23. Oktober gefeiert.“ Wer lesen kann, ist eben im Vorteil.

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